23.10.2014 / 28. Dhul Hijja.1435
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Die Bedeutung der Prophetengeschichten im Koran

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Allah (t) hat den Menschen im Koran über den Grund der Entsendung von Propheten und Gesandten an die Menschen in Kenntnis gesetzt, indem Er sagt:

 

"Wir schickten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und das Maß herab, auf dass die Menschen Gerechtigkeit üben mögen." (57:25)

 

Tatsache ist, dass im Verlauf der Geschichte zu jedem Volk ein Prophet oder Gesandter entsandt wurde. Sie wurden infolge der natürlichen Unfähigkeit des Menschen, selbst zu bestimmen, wie er den Schöpfer anbeten und sein tägliches Leben regeln kann, von Allah (t) entsandt. Als Muslime erkennen wir zweifellos die Wahrheit der Gesandtschaft aller Propheten an, und obwohl mit Beginn des Islam die vorangegangen offenbarten Schriften aufgehoben wurden und uns damit nicht mehr als Quelle unserer Gesetzgebung dienen dürfen, können und sollten wir nichtsdestotrotz aus dem Leben und Wirken der Gesandten und Propheten profitieren.

Allah sagt: "Diese sind es, denen Wir die Schrift gaben und die Weisheit und das Prophetentum. Wenn diese das aber leugnen, so vertrauen Wir es einem Volke an, das es nicht leugnet. Das sind jene, die Allah rechtgeleitet hat: So folge ihrer Rechtleitung. Sprich: 'Ich verlange von euch dafür keinen Lohn. Es ist ja nichts anderes als eine Ermahnung für alle Welten.'" (6:90)

Diese Worte zeigen deutlich, dass der Gesandte damit beauftragt wird, der Rechtleitung jener Gesandten und Propheten zu folgen, die ihm vorausgingen, wobei sich der Aufruf an alle Muslime richtet. Denn sie sind einerseits verpflichtet, dem Weg des Gesandten Muhammad zu folgen, andererseits beschränkt sich die Anrede nicht allein auf Muhammad, und solange dies nicht der Fall ist, ist die Umma generell angesprochen. Man darf jedoch nicht dem Irrtum und dem vermeintlichen Argument verfallen, es handle sich dabei um einen Aufruf, den früheren Propheten und Gesandten in den ihnen offenbarten Gesetzen und religiösen Vorschriften zu folgen, d. h., dass vergangene Gesetzgebungen heute noch eine Relevanz für die Muslime hätten. Vielmehr hängt das Folgen ihrer Rechtleitung mit dem Ursprung der Botschaft, mit der Einheit Gottes und mit dem Gehorsam Ihm gegenüber zusammen und nicht mit einzelnen Gesetzen.

In dieser Bedeutung sind auch die folgenden Verse zu verstehen:
"Er verordnete für euch die Religion, die Er Noah anbefahl und die Wir dir offenbart haben und die Wir Abraham und Moses und Jesus anbefohlen haben, nämlich (die), in der Einhaltung der Gebote standhaft zu bleiben und euch deswegen nicht zu spalten" (42:13), sowie "Und Wir haben dir dann offenbart: Folge der Religion (Milla) Ibrahims, dem Aufrechten." (16:123)

Die Aussage, dass uns die Religion anbefohlen wurde, die auch Noah, Abraham und Moses anbefohlen wurde, ebenso wie der Befehl, der Milla Abrahams zu folgen, bedeuten nicht, dass wir den einzelnen Vorschriften der jeweiligen Religion Moses, Noahs, Abrahams oder Jesus' folgen sollen, sondern meinen, ihnen hinsichtlich der Glaubensgrundlagen, des Monotheismus und der allgemeinen Gehorsamspflicht gegenüber Allah nachzueifern. Es kann sich daher die Frage ergeben, was die Muslime den Geschichten der früheren Propheten und Gesandten, außer dass sie natürlich Teil der Offenbarung Allahs sind, heute entnehmen können. Aus dem Leben und Wirken der Propheten können zahlreiche Lehren, gerade auch für die Gegenwart, gezogen werden. Nicht umsonst nehmen die so genannten Prophetengeschichten im Koran einen großen Raum ein. Sie finden in über fünfzig Suren Erwähnung, und wir wissen zweifelsfrei, dass Allah (t) nicht ein einziges Wort, ja nicht einen einzigen Buchstaben grundlos im Koran anführt und dass immer ein bestimmter Zweck und eine bestimmte Weisheit damit verknüpft sind.

Es liegt also an den Muslimen, die Prophetengeschichten zu lesen und eingehend zu studieren, um aus ihnen die Lektionen und Lehren herauszuziehen, die den Muslimen eine Unterstützung sein sollten, besonders in der beschwerlichen Aufgabe der Verkündung der Dawa. Denn ihre Geschichten geben besonders die Situationen wieder, mit denen sie bei der Verkündung der göttlichen Botschaft konfrontiert waren, und wie sie damit umgegangen sind. Dazu gehören sicherlich das geduldige Ertragen (Sabr) einer schwierigen Zeit, eines Leides oder einer Prüfung, welcher Art auch immer, das standhafte Festhalten an der Wahrheit, die strikte Haltung in der Konfrontation mit einem Tyrannen, wenn er zur Rechenschaft gezogen und an die dringende Pflicht erinnert wird, nach den göttlichen Gesetzen zu regieren usw.

Mit anderen Worten, die Prophetengeschichten sind für die Muslime im Allgemein und für die Träger der islamischen Dawa im Besonderen ein Lehrwerk hinsichtlich der Art und Weise, die islamische Botschaft an die verschiedenen Völker und Nationen zu tragen - dies natürlich neben dem Studium und der Betrachtung der Sira des Gesandten Muhammad, die selbstverständlich als Grundlage für die Methode und Vorgehensweise bei der Dawa dienen muss. Aufgrund der Tatsache, dass die Muslime als einzige Umma damit beauftragt sind, die islamische Dawa an alle Völker und Nationen heranzutragen, ergibt sich die Notwendigkeit, sich mit einer Vielzahl von Beispielen zu beschäftigen, wie die Dawa, am wirksamsten weitergetragen werden kann. Und eben diese Beispiele liefert uns Allah (t) in den Prophetengeschichten, aus denen die Muslime profitieren und sich für diese Aufgabe perfekt vorbereiten können.

Allah (t) sagt: "Wahrlich, in ihren Geschichten ist eine Lehre für die Denkenden. Es ist keine erdichtete Rede, sondern eine Bestätigung dessen, was ihm vorausging, und eine deutliche Darlegung aller Dinge und eine Führung und eine Barmherzigkeit für ein gläubiges Volk." (12:111)

Eine der wichtigen Eigenschaften, die sich ein Muslim aneignen sollte, der die göttliche Botschaft weitertragen möchte, ist die Standhaftigkeit angesichts der Härte der ihn erwartenden Widerstände und Verfolgungen auf der einen Seite und im Hinblick auf mögliche sich anbietende Verlockungen und Versuchungen auf der anderen Seite, die ihn von seinem Weg abbringen könnten.

Hier empfiehlt uns beispielsweise Allah (t), die Berichte über die Gesandten zu studieren, um sich die nötige Festigkeit anzueignen: "Und Wir berichten dir von den Geschichten der Gesandten, um dein Herz zu festigen. Und hierin ist die Wahrheit zu dir gekommen und eine Ermahnung und eine Erinnerung für die Gläubigen." (11:120)

Von ebenso großer Wichtigkeit ist das geduldige Ertragen (Sabr) von möglichen Verleumdungen und Verfolgungen, bis Allah (t) die Erfüllung dieser beschwerlichen Aufgabe mit dem erhofften Erfolg belohnt.

Auch hier versorgt uns Allah (t) mit der Information: "Es sind wohl vor dir Gesandte als lügenhaft gescholten worden; doch obgleich sie verleugnet und verfolgt wurden, blieben sie geduldig, bis unsere Hilfe zu ihnen kam. Es gibt keinen, der die Worte Allahs zu ändern vermag." (6:34)

Weiterhin soll sich der Muslim, der dem Beispiel der Gesandten und Propheten folgen möchte, dieser Aufgabe in Aufrichtigkeit zu Allah hingeben, ohne dafür materielle Gegenleistung oder weltlichen Ruhm zu erwarten. Denn die unterschiedlichen Gesandten und Propheten haben dies immer wieder betont, wenn sie an ihre jeweiligen Völker, zu denen sie entsandt wurden, herangetreten sind.

So spricht der Prophet Noah sein Volk mit den Worten an: "O mein Volk, ich verlange von euch kein Entgelt dafür. Mein Lohn ist allein bei Allah" (11:29)

Ebenso erklärt der Prophet Hud seinem Volk: "O mein Volk, ich verlange von euch keinen Lohn dafür; seht, mein Lohn ist einzig bei Dem, Der mich erschuf. Wollt ihr es denn nicht begreifen?" (11:51).

In gleicher Weise unterstreicht auch der letzte der Gesandten, Muhammad, diesen Aspekt, was ebenso im Koran wiedergegeben ist: "Das sind jene, die Allah rechtgeleitet hat: So folge ihrer Rechtleitung. Sprich: 'Ich verlange von euch keinen Lohn dafür. Es ist ja nichts anderes als eine Ermahnung für alle Welten.'" (6:90)

Somit soll der einzige Lohn, der für diese Arbeit zu erwarten und zu erhoffen ist, allein der Lohn Allahs sein. Von großem Gewicht für die Aufgabe der Verkündung der Dawa – und auch hier geben uns die Propheten ein Vorbild – sollte die feste Überzeugung und das Vertrauen darauf sein, dass Allah zum Sieg verhelfen wird, d. h., dass die Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden. Es muss als eine unumstößliche Tatsache angesehen werden, die in den Herzen und in den Köpfen der Muslime fest verwurzelt sein sollte, auch wenn die Anzeichen für einen solchen Erfolg nicht sichtbar sein sollten und die jetzigen Gegebenheiten und äußeren Umstände scheinbar dagegen sprechen. Doch uns Muslimen genügt das Wort Allahs auf einen Sieg, so dass wir es als eine Wahrheit betrachten, die zweifellos eintreten wird, solange wir darauf hinarbeiten.

So zweifelte beispielsweise auch der Prophet Moses niemals an einem Sieg und dem Erfolg bei der Erlösung der Banu Isra’il aus der Knechtschaft des Pharao, auch wenn die Situation völlig ausweglos schien, als er etwa mit seinem Volk das Meer erreichte und der Pharao ihnen samt seinem Heer auf den Fersen war. Während seine Leute am göttlichen Versprechen zweifelten: "Und als die beiden Gruppen in Sichtweite waren, riefen Moses Gefährten: 'Wir werden tatsächlich eingeholt'" (Sure 26:61), verlor Moses nicht die Überzeugung vom Sieg und antwortete ihnen im völligen Vertrauen auf das Wort Allahs: "Er sprach: 'Keineswegs! Seht, mein Herr ist mit mir. Er wird mich richtig führen.'" (Sure 26:62)

Und so müssen auch wir als Muslime, die den Gesandten und Propheten folgen, Allahs Befehl nachkommen und Sein Versprechen als unumstößliche Tatsache betrachten, denn Allah bricht niemals Sein Wort. So nahm auch der Prophet Moses den Befehl Allahs ernst, die Banu Isra’il aus der Tyrannei des Pharao zu befreien, und zweifelte keinen Moment an der Unterstützung und den Sieg Allahs, selbst dann nicht, als sie scheinbar hilflos zwischen Meer und anrückendem Heer gefangen standen und der Prophet Moses selbst nicht wusste, wie die Errettung aus dieser Situation aussehen sollte und er nicht die geringsten Mittel dazu besaß. Trotzdem verlor er nicht den Glauben an den Erfolg und sagte: "[…] Seht, mein Herr ist mit mir. Er wird mich richtig führen."

Und so müssen auch heute die Muslime auf das Versprechen Allahs vertrauen, wenn Er sagt:

"Versprochen hat Allah denen, die von euch glauben und Gutes tun, dass Er sie gewiss zu Nachfolgern auf der Erde machen wird, wie Er jene, die vor ihnen waren, zu Nachfolgern machte, und dass Er ihren Din festigen wird, den Er für sie auserwählt hat, und dass Er ihren (Stand) nach ihrer Furcht in Frieden und Sicherheit verwandeln wird, auf dass sie Mich verehren und Mir nichts zur Seite stellen. Wer aber danach Kufr begeht, wird ein Sündhafter sein." (24:55)